In einem Kennenlerngespräch stellte mir neulich ein potentieller Kunde eine sehr ungewöhnliche Frage. „Sagen Sie mal… gab es in Ihrem Leben auch Dinge die so richtig schief gelaufen sind?“. Da es in solchen Gesprächen in der Regel um einen Abgleich von Sympathie, Qualifikation, Haltung & Kompetenz geht war ich verwundert. Normalerweise möchte der Kunde am Ende des Gespräches wissen, ob die Chemie zwischen uns stimmt und er von einer gemeinsamen Arbeit profitiert.

Scheitern kann man lernen. Scheitern ist immer eine Option.

Anfänglich war ich sehr irritiert, aber je länger ich über diese Frage nachdachte, desto neugieriger wurde ich selbst. Es fielen mir immer mehr Themen und Bereiche ein, in denen ich schon einmal eine Niederlage erleben musste. Je mehr kritische Lebensereignisse ich meinem Kunden nannte, desto besser wurde seltsamerweise meine Stimmung. Mein anfänglicher Ärger und der Gedanke „warum soll ich denn meine Misserfolge offenbaren – das gehört hier ja gar nicht hin“ wandelte sich in positive Energie. Was etwas paradox klingt, war für mich ein eindeutiger Hinweis darauf, wie wichtig diese Erfahrungen für mich waren und wie stolz ich bin, dass ich diese Probleme gelöst und Krisen bewältigt habe.

Was bedeutet es zu Scheitern? Das Leben geht weiter.

Eine Hochglanzwebseite in Perfektion spiegelt nicht immer die Realität und selten die Persönlichkeit des Coachs mit all seinen Facetten. Seit diesem Gespräch lässt mich diese Frage nicht mehr los. Jetzt frage ich mich, wie es mir gelingen kann diese wichtigen Erfahrungen des Scheitern auch nach außen sichtbar zu machen. Es ist mir aber auch wichtig diese Erfahrung als etwas vollkommen Normales darzustellen.

Heute arbeite ich mit diesem Kunden. Für ihn war es wichtig, dass auch sein Coach Erfahrungen mit persönlichen Schicksalsschlägen, dem Scheitern oder Krisen hat.

Scheitern im Arbeitsverhältnis. Nicht immer angenehm, aber manchmal unvermeidbar.

Eine wichtiges Thema für meine Kunden im Coaching und in Supervision ist oftmals der Umgang mit dem Scheitern im Bewerbungsverfahren. Sie fragen mich häufig wie sie mit einer Kündigung durch den Arbeitgebers oder einer Freistellung während des Arbeitsgerichtsprozesses umgehen sollen. Die Betroffenen fühlen sich beschämt, ärgerlich oder wütend. Manchmal auch hilflos und ungerecht behandelt. Diese Hilflosigkeit resultiert nicht zuletzt auch aus der einseitigen Entscheidung des Arbeitgeber sich von dem Mitarbeiter zu trennen.

Achtsamkeit, Selbstbewusstsein & Selbstliebe. Wichtige Kernkompetenzen im Bewerbungsprozess.

„Wenn ich das in meiner Bewerbung schreibe oder es spätestens im Vorstellungsgespräch benenne, wird meine Bewerbung doch eh aussortiert.“ Eine nicht ganz unberechtigte Angst. Denn die Frage nach den Gründen für die Kündigung oder eine Freistellung folgt in einem persönlichen Gespräch meist direkt. Eine Kernfrage ist hier:

„Wie viel Ehrlichkeit braucht es im Bewerbungsverfahren?“

Ich gebe meinen Kunden immer den Rat zu dem zu stehen, was ist. In Zeiten von alternativen Fakten liegt die Idee oder der Gedanke sicherlich nahe etwas zu schummeln oder sich die Fakten schön zu reden. An diesem Punkte warne ich immer. Es erfordert sehr viel Energie die Fassade oder Lüge langfristig aufrecht zu erhalten. Den meisten Menschen fällt es sehr schwer mit dem Gefühl, eine Mogelpackung zu sein, dauerhaft zu leben. Auch wenn es anfänglich gut gelingt in der neuen Firma durch zu starten, habe ich oft erlebt, dass alternativen Fakten wie ein Bumerang zurück kamen und das „Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer nachhaltig zerstört“ haben.

Eine gute Vorbereitung des Vorstellungsgespräches und plausible Erklärungen sind das A&O.

Wenn der Vertrauensvorschuss des Arbeitgeber bereits im Vorstellungsgespräch verspielt wurde, ist dies häufig ursächlich dafür, dass die nächste Kündigung ins Haus steht. Auch das Verschweigen von wichtigen Informationen, wie beispielsweise einer Lese- und Schreibschwäche, einer Schwangerschaft oder Behinderung, fällt über kurz oder lang dem Bewerber auf die Füße. Problemen mit dem Arbeitgeber sind da im Beschäftigungsverhältnis bereits vorprogrammiert.

Scheitern als Weg oder Scheitern für Fortgeschrittene?

Selbstbewusst zu dem zu stehen was war, bedeutet auch immer achtsam mit sich zu sein. Ein erfüllender Job, bei dem die Kompetenz und Qualifikation des Bewerbers zu dem Anforderungsprofil des Unternehmens passen, sind der Garant für eine lange und zufriedene Zusammenarbeit – auf beiden Seiten. Dann spielt es keine Rolle ob und wie das letzte Arbeitsverhältnis geendet hat. Wichtiger ist, dass gegenseitiges Vertrauen existiert.

„Scheiter heiter.“ Ein Grundsatz aus dem Improvisationstheater.

Beim Improtheater ist Leichtigkeit gefragt. Wenn es auf der Bühne schwer wird merken es die Zuschauer und der Unterhaltungsfaktor sinkt. Um den Darstellern hier etwas den Druck zu nehmen baut dieser Satz einen Erlauber ein. Den Erlauber des Scheiterns. Mit diesem Wissen können die Darsteller zusammen spielen ohne zu befürchten das gemeinsame Ziel nicht zu erreichen. Noch viel wichtiger ist, dass ein Ziel der Vorstellung auch sein kann gemeinsam heiter zu scheitern.

Eine Krise im Job sollte aber auch nicht heruntergespielt oder unterschätzt werden.

„Was Dich nicht umbringt macht Dich härter.“ ein Satz den Kinder sehr häufig von ihren Eltern hören. Auch im Erwachsenenalter ist dieser Satz leicht abgewandelt als „Stell´ Dich nicht so an.“ präsent. Doch was ist, wenn berufliche Krisen existenzbedrohlich werden? Während meines Praktikums in der Akutpsychiatrie habe ich viele Menschen kennengelernt, die einen Suizidversuch hinter sich hatten. Was für viele von uns unvorstellbar oder irrational ist, war für diese Menschen Realität. Auch wenn die Motive für einen Selbstmordversuch oftmals sehr vielschichtig sind, gab es auch Fälle in denen der berufliche Faktor ausschlaggebend war den letzten Schritt zu gehen.

Soziale Kontakt & Work-Life-Balance als beste Art der Prävention.

Wenn Sie merken, dass Sie sich immer mehr auf die Krise fokussieren ist es Zeit Ihren Fokus zu ändern. Hier ein paar Erste-Hilfe-Tipps, wenn Ihnen die Angst vor dem Scheitern über den Kopf wächst.

  • Bauen Sie sich ein soziales Netzwerk auf und pflegen Sie dieses. Gemeinsame Zeit mit Familie und Freunden ist wichtig. Sprechen Sie hier über das was Sie belastet. Ängste und Stress zu unterdrücken ist auf lange Sicht keine Lösung.
  • Prüfen Sie stressverschärfende Glaubenssätze und Muster, die in Zusammenhang mit dem Gedanken ans Scheitern stehen.
  • Versuchen Sie auch mal „Nein“ zu sagen. Etwas nicht zu tun bedeutet nicht gleich zu scheitern. Vielmehr hat es mit Abgrenzung und Selbstfürsorge zu tun.
  • Machen Sie Sport zum Ausgleich zu Ihren beruflichen Belastungen. Wenn Sie Sport nichts abgewinnen können, reicht auch „normale“ Bewegung. Achten Sie im ersten Schritt darauf wie viel Sie sich täglich bewegen und steigern Sie dies.
  • Achten Sie auf erste Warnzeichen. Wenn Sie keine Zeit und Lust für soziale Kontakte oder Hobbys mehr haben, sollten Sie kritisch hinterfragen woran es liegt. Meist schleicht sich dies unmerklich ein und plötzlich ist es normal.

Eine Achtsamkeitsübung: Wahrnehmen & benennen.

Um bewusst einen Fokus zu wählen eignen sich auch Übungen aus dem Bereich der Achtsamkeit. Diese lassen uns auf das „Hier und Jetzt“ fokussieren, ganz ohne Bewertung.

Ich möchte Sie einladen sich einmal aktiv mit Ihrem Scheitern auseinanderzusetzen.

  • Was waren Ihre größten Misserfolge?
  • Was ist in Ihrem Berufsleben so richtig schief gelaufen?
  • Versuchen Sie diese Situationen zu benennen, ganz ohne Bewertung.
  • Rückblickend und mit etwas zeitlichem Abstand: Was waren Ihre größten Lernerfolge, die Sie aus diesen Niederlagen ziehen konnten?

Ich freue mich, wenn es Ihnen gelingt Ihr persönliches Scheitern als eine wichtige und wertvolle Erfahrung anzunehmen.

Herzliche Grüße
Eva Scheuba

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